Brillenwechsel
Vor einer Woche musste ich in einem Audit einordnen: Wird hier aus einer Mücke ein Elefant gemacht – oder aus einem Elefanten eine Mücke? Dabei erwies sich eine vermeintliche Mücke als Elefant, den zuvor niemand wahrgenommen hatte.
Spannend war weniger die Feststellung als der Blick darauf. Je nach Rolle und Brille wurde dieselbe Sache anders beurteilt. Was für die einen eindeutig war, erschien den anderen kaum der Rede wert. Zunächst fehlte das Verständnis für die Sicht des Gegenübers.
Meine Aufgabe lag deshalb nicht nur im Prüfen, sondern auch im Vermitteln. Jede Seite sollte ihre Verantwortung wahrnehmen und verstehen, weshalb die andere zu einer anderen Einschätzung kam. Das brauchte Geduld und gegenseitigen Respekt.
Am Schluss war der Elefant für alle sichtbar. Die Feststellungen waren gemeinsam eingeordnet und nachvollziehbar. Aus verschiedenen Rollen entstand ein gemeinsamer Blick.
Wir müssen nicht immer derselben Meinung sein. Doch manchmal hilft es, die eigene Brille kurz abzulegen. Wenn am Ende alle denselben Hut tragen, wird aus einzelnen Sichtweisen ein Wir.
Seraina Bär
Gemeinderätin